Ricardian Contract – Ein Vertrag für Mensch und Maschine

10.12.2020

Schon seit langer Zeit regeln Menschen ihre Lebensverhältnisse durch Rechtsgeschäfte. Diese kommen durch einen Vertrag (also zwei übereinstimmende Willenserklärungen) zustande. In unserem Alltag begegnen uns Verträge sowohl auf privater als auch auf geschäftlicher Ebene in allerlei Formen – auch digital.

Durch die Digitalisierung wird die elektronischer Form aber immer populärer. Dabei handelt es sich um eine Sonderform der schriftlichen Vertragsvereinbarung und kann, solange nicht vom Gesetzgeber explizit ausgeschlossen, auch als solche eingesetzt werden. Problematisch wird es, wenn Verträge in einer Programmiersprache „geschrieben“ wurden. Das gilt speziell für Smart Contracts, die zwar ein enormes Potenzial haben, allerdings aufgrund des fehlenden rechtlichen Rahmens und der Unverständlichkeit des Inhaltes kaum als rechtswirksamer Vertrag einzuordnen sind. Als Lösung für dieses Problem und einige weitere sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten möchten wir gerne den Ricardian Contract vorstellen.

Was sind Ricardian Contracts?

Das Konzept der Ricardian Contracts wurde 1995 als Teil des Ricardo Zahlungssystems von Ian Grigg und Gary Howland entwickelt. Sie haben damit ein System zum Handeln von Anleihen umgesetzt und gelten heute als Pioniere der Finanzkryptografie. Während ihrer Arbeit erkannten sie, dass Anleihen und alle anderen Finanzinstrumente im Kern nichts anderes als Verträge sind. Ihr Aufbau setzt sich aus einer Kombination von Parametern (also Name, Coupon, Datum, etc.) und juristischen Gesetzestexten zusammen. Als Konsequenz entwarfen sie ein Dokument, das sowohl von Menschen als auch von Maschinen gelesen werden konnte und vom Herausgeber des Instruments definiert und digital signiert wird. Dieses Dokument nannten sie Ricardian Contract. Ian Grigg definiert den Ricardian Contract folgendermaßen:

  1. Ein Vertrag, der von einem Schuldner an einen Gläubiger herausgegeben wird.
  2. Der Gläubiger erlangt damit ein Recht auf einen Wert, der vom Herausgeber bestimmt und verwaltet wird.
  3. Der Vertrag ist von Menschen leicht lesbar – wie ein normaler Vertrag auf Papier.
  4. Der Vertrag ist von Maschinen lesbar.
  5. Der Vertrag ist digital unterschrieben.
  6. Der Vertrag enthält einen Schlüssel und Server-Informationen.
  7. Der Vertrag ist verbunden mit einem einzigartigen und sicheren Identifikator.
Ricardian Contract -Eigenschaften im Überblick
Abbildung 1: Ricardian Contract -Eigenschaften im Überblick, Quelle: Eigene Darstellung

Der Vertrag ist in einer einfachen Textdatei niedergeschrieben und kann mit dem Einfügen einer Markup-Sprache von Programmen gelesen werden. Als digitale Unterschrift unterschreibt der Herausgeber den Vertrag in der OpenPGP Klartext Form mit seinem Private Key. Damit bestätigt er den Inhalt des Vertrags und macht daraus ein bindendes Angebot. Mithilfe des Private Keys können die Vertragsteilnehmer zurückverfolgt und zur Verantwortung gezogen werden. Er verknüpft des Weiteren die gesamte Kette der OpenPGP Schlüssel, sodass Programme sofort das Dokument authentifizieren und verifizieren können. Um den Vertrag eindeutig zu identifizieren, kann jeder Benutzer eine Zusammenfassung des Klartexts kalkulieren, in Form eines Hash Wertes (Public Key). Dieser bildet in einer relativen kurzen Zahl den Inhalt des gesamten Dokuments nach. Der Hash wird in jeder Transaktion hinterlegt und bildet eine sichere und unvergessliche Verknüpfung zum Verwaltungssystem. Jedes Dokument hat dabei seinen einzigartigen Hash Wert.

Vorteile von Ricardian Contracts

  1. Bei vielen Verträgen lässt sich ein Phänomen beobachten, dass unter dem Namen Frog-Boiling bekannt geworden ist. Hier ändert meist der stärkere Vertragspartner (Emittent) die Vertragskonditionen über die Zeit, sobald er sich dadurch einen Vorteil verschaffen kann. Der Hash Identifikator des Ricardian Contracts stellt sich dem entgegen. Das liegt daran, das der Hash an den Inhalt des Vertrags geknüpft ist und sich bei Veränderung des Vertrags gleichzeitig auch ändern würde. In den Aufzeichnungen (wie Rechnungen, Zahlungen, Bilanzen …) ist ebenfalls der Hash des entsprechenden Vertrags integriert, und dieser kann nicht geändert werden, ohne die Fähigkeit zu verlieren, einen Test zur Signaturprüfung zu bestehen. Außerdem würde der Vertag aufgrund dessen seine Beziehung zu allen bisherigen unterschriebenen und ausgegebenen Aufzeichnungen verlieren.
  2. Weitere Vorteile ergeben sich durch die Integration der Public Key Infrastruktur in den Vertrag selbst. Dadurch wird gewährleistet, dass:
    1. Client Software die gesamte digitale Signaturkette auf einmal automatisch prüfen kann.
    2. Kein Drittanbieter zur Organisation der PKI benötigt wird, was sich in den Sicherheitsaspekten und Kosten widerspiegelt.
    3. Der Emittent die Inhalte oder seine Signatur nicht bestreiten kann, sobald der Vertrag durch die häufige Verwendung der Nutzer gefestigt wurde.
  3. Das Verwenden eines Hashwerts als Identifikator sorgt für die Annahme, dass nur Personen, die den Hash auch interpretieren können, wirklich einen Vertag besitzen.
  4. Für den Einsatz von Smart Contracts als rechtswirksame Verträge braucht es eine Möglichkeit, die Inhalte in eine verständliche Form für Menschen zu bringen. Denn es muss gewährleistet sein, dass sowohl alle Vertragsparteien als auch Anwälte, Richter und andere Stakeholder verstehen, was im Vertrag steht. Daneben muss geregelt werden, was passieren soll, wenn nicht einkalkulierte Zustände eintreten, die im Smart Contract nicht berücksichtigt wurden oder zu komplex sind, um sie vollständig abzubilden. Die Lösung ist das Fusionieren von Smart Contracts mit Ricardian Contracts. Zusammengefasst in ein einzelnes Objekt kann der programmierte Code auf der Ethereum Blockchain auf ein externes Dokument zurückverweisen, dass die Inhalte des Vertrags beschreibt und die juristischen Klauseln festhält. Als Ergebnis erhält man einen Vertrag, der aus einem Code zur Automatisierung, einem juristischen Text und Parametern besteht – auch bekannt als Ricardian Tripple.

Herausforderungen bei Ricardian Contracts

  1. Zum Unterschreiben der Verträge werden Private Keys verwendet. Das ist zwar eine sehr sichere Art, Dokumente elektronisch zu unterschreiben, aber es verstößt gegen die gesetzlichen Bestimmungen und Anforderungen an eine elektronische Unterschrift. Außenstehende hätten keine Chance, zu beurteilen, wer den Private Key benutzt hat und ob diese Person wusste, dass die Nutzung gleichbedeutend ist wie eine gesetzlich bindende Unterschrift.
  2. Auch wenn es theoretisch möglich wäre, Ricardian Contracts komplett anonym abzuschließen, hätte man vor Gericht keine Möglichkeit, diesen geltend zu machen. Anders sieht es aus bei Pseudo-Anonymität: Zum Beispiel eine Identität, die kryptografisch ihre Existenz und Autorität belegen kann, sonst aber keine Informationen über sich preisgibt. Im Umfeld der Blockchain ist dieses Prinzip verbreitet und ist nicht zwingend ein Hindernis für einen rechtswirksamen Vertrag.
  3. Ein weiterer Punkt ist, dass Ricardian Contracts bis jetzt nur vereinzelt von Unternehmen eingesetzt wurden und damit noch wenig praktische Erfahrungswerte existieren. Besonders fehlen Gerichtsurteile, um die tatsächliche Wirksamkeit der Ricardian Contracts aufzuzeigen.

 

Anwendungsbeispiele

Projekte / Branche Beschreibung
OpenBazaar / E-Commerce Das Projekt steht für einen digitalen Markplatz, der komplett dezentralisiert geführt wird. Transaktionen werden peer to peer und mithilfe von Ricardian Contracts bezüglich Rechnung, Annahme, Bezahlung etc. durchgeführt. Als Zahlungsmittel kommen ausschließlich Kryptowährungen zum Einsatz.
Open-Transactions Im Kern des Projekts befasst man sich mit der Frage, wie Transaktionen ausgeführt werden können, ohne dazu einem Drittanbieter vertrauen zu müssen. Mit der Blockchain ist das möglich geworden, allerding sind Transaktionen darüber langsam und vergleichsweise teuer. Mit Open Transactions ist es möglich, die Vorteile einer serverseitigen Umsetzung zu erhalten, ohne einem Drittanbieter vertrauen zu müssen. Es werden verschiedene Finanzinstrumente unterstützt, die unter anderem mit Ricardian Contracts umgesetzt werden.
CommonAccord Ziel des Projekts ist es, eine Möglichkeit zu schaffen, Smart Contracts mit Ricardian Contracts zu vereinen und am Ende einen rechtswirksamen Vertag zu erhalten. Das funktioniert, indem man den Nutzern eine Datenbank mit Gesetzestexten zu Verfügung stellt, die mit kleinen Code Schnipseln verknüpft sind.

 

Fazit

Auch wenn das Konzept der Ricardian Contracts bereits rund 25 Jahre alt ist, besitzt es durch den zunehmenden Wunsch nach Automatisierung und Digitalisierung mehr Relevanz denn je. Mithilfe der Smart Contracts ist es erstmals gelungen, komplexe Vertragsabwicklungen komplett autonom von Maschinen durchführen zulassen. Das birgt in vielen Bereichen hohe Aufwandseinsparungen und kann eine Basis für neue Geschäftsmodelle sein. Nichtsdestotrotz müssen Menschen ohne Code-Verständnis genau nachvollziehen können, was in den Verträgen beschlossen wurde. Deshalb muss auf dem Weg zur flächendeckenden Implementierung von Smart Contracts noch ein großes Hindernis überwunden werden: Das Zusammenbringen von ausführbarem Computer-Code und menschenlesbarer Prosa. Diese müssen eng und unveränderbar miteinander verbunden sein, wobei der Prosatext die Basis für den Vertrag bilden sollte. Mit dem Ricardian Contract hat man einen vielversprechenden Weg gefunden, genau das umzusetzen. Durch den kryptografischen Ansatz ergeben sich jedoch sowohl Vorteile als auch Herausforderungen. Die Zukunft wird zeigen, ob die Schwachstellen des Konzepts ausgebessert werden können und die Stärken sich auch im Praktischen gut umsetzen lassen.

 

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Quellen:

  1. https://iang.org/papers/fc7.html
  2. https://iang.org/papers/intersection_ricardian_smart.html#ref_wip
  3. https://www.youtube.com/watch?v=wokvO1ptE1k&feature=emb_title
  4. https://bitsonblocks.net/2016/11/22/in-a-nutshell-ian-griggs-ricardian-contracts-and-digital-assets-prehistory/
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