Telematik in der Landwirtschaft: „Wir können jedem Samenkorn einen Namen geben“

Claas Interview 2014 - TelematikDie Firmen Claas und doubleSlash sind Dialogpartner im Bereich Marketing. Seit der Teilnahme an unserer Expertentagung „slashTalk 2013“ tauschen sich die beiden Unternehmen vor allem zu den Themen Touchpoint Management und intelligente Vernetzung von Fahrzeugen aus. Immer mit dem Blick auf die Potenziale die hier für Marketing und Service entstehen. Im März hat uns die Abteilung Corporate Marketing von Claas für einen Best Practice Austausch einen Besuch abgestattet.

Im Bereich M2M beschäftigt sich doubleSlash intensiv mit dem Themenfeld Telematik. Mit der Telematik Service Plattform wurde vor einigen Wochen eine spezielle Lösung für Flottenmanagement gelauncht.
Auch Claas beschäftigt sich bereits seit Jahren mit Telematiklösungen. Aus der Expertise von sechs Netzwerkpartnern ist die Informations- und Arbeitsplattform 365FarmNet entstanden, die alle Abläufe in landwirtschaftlichen Betrieben unterstützt. Im Interview spricht Henning Rabe, Leiter Corporate Marketing von Claas, über Telematiklösungen in der Landwirtschaft mit doubleSlash.

1. doubleSlash: Können Sie uns einen kurzen Einblick in 365FarmNet geben und was zeichnet diese Informations- und Arbeitsplattform für Sie aus?

Henning Rabe: Jetzt haben Sie schon viel vorweg genommen: Claas ist ja Landmaschinenhersteller und wir mechanisieren den Landbau- und Pflanzenbauprozess. 365FarmNet ist eine Entwicklung, die ursprünglich aus dem Telematik-Ansatz entstanden ist und inzwischen weit darüber hinausgeht. Landwirte haben hoch komplexe Anwendungen in verschiedenen Bereichen, z.B. Milchproduktion, Pflanzenzucht oder Tierhaltung zu machen und haben dafür unterschiedlichste Informationsmanagement-Werkzeuge und Tools zur Verfügung. Das Tool unterstützt sie dabei, alle Belange des Tages und der wetterabhängigen Saison zu planen, zu optimieren und zu vereinfachen – von der Dokumentation bis hin zur Antragstellung bei Umweltauflagen, Gewässerpflege und Ähnlichem.

2. doubleSlash: Wie hilft 365FarmNet seinen Anwendern, die eigenen Prozesse zu optimieren?

Henning Rabe: 365FarmNet ist ein offenes System. Die Offenheit liegt darin, dass sich Content Provider aus den unterschiedlichsten Disziplinen zu einzelnen Struktur Lösungen vernetzen. Das Tool ist also kein App-Store als Sammlung von in sich abgeschlossenen Problemlösungen. Das spannende hier ist die Vernetzung von Problemlösungen. Das heißt, die Problemlösung des einen Partners ist das Ausgangsmaterial für die weitere Analyse und Problemlösung des anderen.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Mähdrescher von Claas hat in der Endausbaustufe bis zu 200 Sensoren an Bord. Jetzt nehmen wir mal 50 Sensoren an. Mit diesen kann er die Bestandsdichte, die Feuchte und andere Faktoren des Bestandes bis auf den Quadratmeter genau erfassen. Das beginnt schon vorne am Maschineneinzug. Diese Informationen kann der Landwirt dann in einer sogenannten Ertragskarte ablegen. Nach dem Drusch (Ertrag des Dreschens) weiß er auf den Quadratmeter genau, wo was wie gewachsen ist. Diese Informationen nutzt er dann auch für die neue Saison, z.B. bei der Planung des Saatgutes, Aussaatmenge und –ort, aber auch für die Düngerauswahl und –menge. Es wird nicht mehr rausgeschaufelt, sondern auf den Quadratmeter genau ausgebracht, manchmal sogar auf den Quadratzentimeter genau. Wir können dem einzelnen Samenkorn einen Namen geben.

Wenn man in Deutschland oder in etablierten Märkten als Farmer schauen möchte, wie denn der Aufwuchs ist, dann fährt man raus, geht ein wenig in den Bestand und prüft das. In Kasachstan oder in der Ukraine ist dies bei den großen Flächen gar nicht machbar. Und da kommt ein weiterer Partner ins Spiel, der sicherlich überraschend scheint, aber von Anfang an im Boot ist: Die Allianz Rückversicherung hat einen immensen Datenbestand an Radar-Luftbildern, die sie aus Versicherungsgründen gesammelt und ausgewertet haben und alle sechs Tage aktualisieren. Dieses umfassende Bildmaterial kann für eine Realtime-Verfolgung des Aufwuchses genutzt werden, der sonst manuell kaum schaffbar ist. Die Geodaten sind so genau, dass der Landwirt wiederrum teilflächenspezifisch nacharbeiten kann. So greift das Know-How verschiedener Content Partner ineinander und Claas ist einer davon.

3. doubleSlash: Im Flottenmanagement sind das Tracking und die Auswertung von Echtzeitdaten entscheidend. Welche Bedeutung hat das für Ihre Branche? Wie sieht ein mögliches Anwendungsbeispiel aus?

Henning Rabe: Jetzt gehen wir von 365FarmNet ein Stück weg, zurück in die Mechanisierung von Ernteprozessen. Das ist unser Kerngeschäft bei Claas: Mehrere Fahrzeuge und mehrere Fahrer, die auf Informationen angewiesen sind, miteinander zu vernetzen und zu steuern. Die teuerste und einsatzstärkste Erntemaschine nützt nichts, wenn die Prozesse dahinter nicht sauber organisiert sind – von der Abfuhrkette über die Trocknung bis zur Lagerung.

Wie sich diese Flotten in einer Feldnavigation bewegen – ohne Navisystem für den Straßenverkehr, ich bin ja auf dem Feld unterwegs, wo in der Regel die Wege zu Ende sind – das lösen wir über GPS. So können wir eine Feldnavigation für alle beteiligten Fahrzeuge bereitstellen und dann die Optimierung der Wegenutzung auf dem Feld sicherstellen. D.h. minimale Überfahrten auf dem Acker, Bodenverdichtung so gering wie möglich halten und bestimmte Wege auf dem Feld wie Straßen nutzen.

Der Landwirt führt dann seine Abfuhrflotte genau dort hin, wo sie gebraucht wird, z.B. an den Mähdrescher, der dann die komplette Navigation und Remote-Steuerung des Abfuhrfahrzeugs übernimmt. Dazu braucht es diese Echtzeitkommunikation. Ich könnte noch viele andere Beispiele dazu geben, aber das ist ein kleiner Einblick, wie wir das lösen.

4. doubleSlash: Was ist Ihre Vision für das Hofmanagement und die Land- wirtschaft der Zukunft?

Henning Rabe: Wir glauben, dass wir internationaler denken müssen. Denn Hofeinheiten und Höfe werden immer größer und beschäftigen immer weniger Arbeitskräfte. Ich konzentriere mich hier beispielhaft auf den Pflanzenbau und dessen Mechanisierung. Wir werden in der weiteren Zukunft mit Drohnen arbeiten, also mit fahrerlosen Fahrzeugen. Die Bodenverdichtung ist ein echtes Thema, der wir so entgegen wirken können. Im Moment zählt Größe, aber wir kommen an die Grenze der Straßenverkehrszulassungsordnung, und wir kommen an die Grenze des Bodengewichtes. Hofmanagement der Zukunft wird mit viel mehr vernetzter Intelligenz erfolgen müssen, weil ich immer weniger mitdenkende Mitarbeiter habe. Alles was dann getan wird, muss sich selbst vernetzt zum gewünschten Optimum entwickeln und dem Landwirt genau das Setting liefern, was er braucht, um die Gesamteffizienz seines Hof- und Landwirtschaftsbetriebs sicherzustellen.

Auch das Thema Ressourcen spielt eine große Rolle: Sie werden immer rarer und dabei immer teurer, z.B. Dünger. Die Landwirtschaft muss zu neuen Formen der Effizienz finden. Die Zeit von ”viel hilft viel” ist endgültig vorbei. Es geht darum, bei minimalem Einsatz das Optimum an Ertrag zu erbringen. Heute ist eher ein Maximum an Ertrag das Ziel – und das werden wir eben mit zunehmender Vernetzung hinkriegen – und zwar im Bereich Farming Technology, das ist die Mechanisierung im weitesten Sinne, und crop science, das ist die gesamte Biologie.

Wir haben noch viele faszinierende Weiterentwicklungen in der Pipeline.
Im Grunde stehen wir hier vor der nächsten großen Revolution seit der Einführung des Motors in der Landwirtschaft. Und das heißt Effizienzsteigerung, Ertragssicherung und Optimierung auf Basis von vernetzter Intelligenz.

doubleSlash: Vielen Dank Herr Rabe für diesen Ausblick in die Zukunft der vernetzten Landwirtschaft. Im Telematikumfeld beschäftigen wir uns aktuell mit Echtzeit-Lösungen im Flottenmanagement und übergreifenden E-Mobility-Konzepten. Dabei erkennen wir täglich die enormen Potenziale der intelligenten Vernetzung als Treiber für neue innovative Geschäftsmodelle.

 

 

 

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