Wie Anforderungen verbal besser beschrieben werden können

Während inzwischen genügend viele und gute Methoden existieren um Anforderungen an Anwendungssoftware formell zu definieren, sieht es mit den verbalen Beschreibungsmöglichkeiten noch sehr dürftig aus. Entsprechend werden hierbei immer wieder die gleichen Fehler gemacht.

Anforderer beschreibt schriftlich seine Anforderungen So wird in den Köpfen von Anforderer und Entwickler schnell mal aus einer Formulierung „Wäre schon wenn man es als Excel-Format exportieren kann“ eine klare MUSS-Anforderung bzw. NICHT-wichtig Bemerkung des Anforderers.

Ein klares und eindeutiges Wording kann die Wahrscheinlichkeit von solchen Missverständnissen deutlich reduzieren.

Aus diesem Grund 10 einfache Tipps aus unserer Praxis, wie Anforderungen in Schriftform möglichst eindeutig und unmissverständlich formuliert werden sollten:

  1. Pflicht Anforderung formulieren mit „Das System muss…“: Eine Pflicht-Anforderung bedeutet, dass eine Forderung unbedingt erfüllt sein muss. Die Abnahme kann verweigert werden, wenn das System die Anforderung nicht erfüllt.
    Beispiel für eine Pflicht-Anforderung:Die Kundenliste muss alle lokal vorhandenen Vertragsinhaber mit wichtigen Attributen zeigen“.
  2. Wunsch Anforderung formulieren mit „Das System soll…„: Eine Wunsch-Anforderung drückt aus, dass es ganz gut wäre, wenn z.B. ein Bericht vom Entwickler wöchentlich erstellt wird. Allerdings fordert der Anforderer verpflichtend nur monatliche Berichte.
    Beispiel für eine Wunsch-Anforderung:Das System soll die ‘Auflisten’-Schaltfläche grün darstellen“.
  3. Absichts Anforderung formulieren mit „Das System wird…„: Die Absichts-Anforderungen werden vom Anforderer gestellt, um dem Entwickler die Punkte aufzuzeigen, zu denen er schon Pläne für die Zukunft hat. Diese Information soll es dem Entwickler ermöglichen, das System zukunftssicher zu konzipieren.
    Beispiel für eine Absichts-Anforderung:Die Kundenliste wird insbesondere den Zugriff auf die Daten einer Stammnummer über die Namen der Vertragsinhaber erlauben“.
  4. Vorschlags Anfdorderungen formulieren mit „Das System kann…„: Anforderer kommen beim Nachdenken über zu entwickelnde Systeme auf verschiedene Lösungsmöglichkeiten für ein Problem. Diese werden für die spätere Verwendung durch Entwickler in Form von Vorschlags-Anforderungen konserviert.
    Beispiel für eine Vorschlags-Anforderung:Gleichzeitig können bis zu 2.000 Mitarbeiter mit dem System arbeiten“.
  5. Substantive vollständig spezifizieren. Sprachliche Vertreter für unvollständig spezifizierte Substantive sind z.B. „die Daten“, „die Funktion“, „das System“, „die Meldung“ und „der Anwender“. Bei solchen Substantiven sollen folgende Fragen gestellt werden.
    Beispiele:Was genau sind die Daten?“ oder  „Wer genau ist der Anwender?
  6. Vermeiden von unbestimmten Quantoren. Mit Wörtern wie „irgendeiner“, „meistens„, „üblich“ wird nicht definiert für welche Objekte das geforderte Verhalten gelten soll. Solche Wörter sind deshalb für Missverständnisse vorprogrammiert.
    Bessere Wörter: „alle“, „jeder/jedem“, „und“, „immer“, „oder“ und „kein“.
  7. Klären von Möglichkeiten. Mögliches und Unmögliches der Anforderungen muss geklärt werden. Signalwörter sind Begriffe wie „kann“, „darf“, „es ist (nicht) möglich“,„er/sie/es ist außerstande“. Bei Aussagen, die eine Möglichkeit oder Unmöglichkeit beschreiben, muss die Frage beantwortet werden, was das genannte Verhalten möglich oder unmöglich macht. Solche Formulierungen kommen auch sehr häufig vor.
  8. Vollständige Vergleiche und Steigerungen. Ein Vergleich oder eine Steigerung benötigt immer einen Bezugspunkt, um vollständig zu sein. Dazu muss die Abweichung natürlich auch messbar und damit überprüfbar sein.
    Beispiel hierfür ist:Der Bestellvorgang soll für den Kunden selbst online leicht durchführbar sein“. Die Fragen sind:
    > Leicht durchführbar im Vergleich wozu?
    > Wodurch wird der Bestellvorgang leicht durchführbar?
  9. Prozesswörter vollständig spezifizieren. Die Verben in einer Anforderung müssen bestimmt und festgestellt werden. Wenn ein Satz, der mehrere Akteure enthält, mit diesen Verben vorstellbar wäre, so ist aus dem Originalsatz eine Information getilgt worden. Wenn die fehlenden Informationen wissenswert sind, sollten sie gezielt hinterfragt werden.
    Beispiel hierfür ist: „Die Kunden, die seit 2 Jahren nicht mehr im System eingeloggt waren, sollen erkannt und deaktiviert werden“. Bei dieser Anforderung sind die beiden Prozesswörter erkennen und deaktivieren zu hinterfragen. Die Fragen dazu sind:
    > Wer, wann, wie wird erkannt?
    > Wer, wie, wo, wann wird deaktiviert?
  10. Einfache Sprache ohne Anglizismen verwenden. Zwischen IT und Fachseite werden unter Anglizismen und Abkürzungen oft unterschiedliche Dinge verstanden. Sätze wie „Die Community braucht eine hohe accessibility um die credibility der CRG zu begünstigen“ sind zu vermeiden. Ein Glossar (auch in Form eines gemeinsamen Wikis) sind zu empfehlen.

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Weitere Informationen zum Thema:

> Generelles Vorgehen bei der Anforderungsanalyse (.pdf)
> Metriken für Anforderungen (.pdf) – Lässt sich die Güte/Qualität von Anforderungen messen?
> Vergleiche von XP, RUP und das V-Modell

 

Die doubleSlash Anforderungsanalyse

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6 Kommentare zu “Wie Anforderungen verbal besser beschrieben werden können

  1. „Wichtig“ ist ein Begriff, der im Kontext eines Vorhabens verstanden wird. Es gibt dafür keine globale Definition. Die von Hanna beschriebene MoSCoW-Methode ist hierfür ein Hilfsmittel. Sie können die Wichtigkeit aber auch „fuzzy“ definieren und jeder Anforderung einen Wert zwischen 0 und 1 zu ordnen. Hauptsache jeder in ihrem Projekt versteht, was sie meinen.

  2. @Hanna: „Wichtig“ ist doch wieder interpretierbar. Für eine sinnvolle Anforderung sollten die geforderten Attribute doch auch konkret benannt werden und nicht wolkig mit einem dehnbaren Begriff wie „wichtig“ umschrieben werden.

  3. Beispiel aus 1. („Die Kundenliste muss alle lokal vorhandenen Vertragsinhaber mit wichtigen Attributen zeigen“.) widerspricht 6. Was sind die „wichtigen“ Attribute?

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